Landkarte der Gefühle

Gefühle begleiten uns im Leben, manchmal sehr intensiv dann wieder etwas ruhiger.
Ich habe diesen Aufsatz hier ausgearbeitet, um vielleicht ein bisschen mehr dazu beizutragen, Gefühle besser zu verstehen oder auch zu lernen, damit umzugehen.
Häufig ist es ja auch so, dass wir uns unseren Gefühlen ausgeliefert fühlen, sie bringen uns mit Themen in Kontakt, die ich jetzt im Moment evtl. für unangebracht und nicht willkommen halte.
Den Gegensatz zu dieser Gefühlsebene bildet der kognitive Bereich; Daten, Fakten, Argumente und geplantes Vorgehen geben oft Sicherheit, sind berechenbar und leicht „händelbar“. Doch so leicht werden wir unsere Gefühle nicht los, je mehr wir versuchen sie wegzudrücken, desto vehementer schlagen sie zurück, oft in ungeplanten, unpassenden Situationen. Deshalb hier mein Versuch über die Auseinandersetzung MIT den Gefühlen mehr Verständnis für mich und meine Gefühlsbereiche zu bekommen und damit besser umgehen zu lernen.
Eigentlich durchziehen Gefühle ja unser ganzes Leben, unsere Tage sich durchwoben mit unsere Gefühlempfindungen, als ob sie uns umspülen würden.
Deshalb spricht auch unser Körper in seinem Ausdruck eine Sprache, der anzusehen ist, welcher Gefühlszustand im Moment vorherrscht bzw. welcher Gefühlszustand unserer Grundstimmung entspricht. So sprechen unser Ausdruck, unsere Körperhaltung, die Falten unseres Gesichtes ihre eigene Sprache. Je mehr wir versuchen Gefühle zu unterdrücken, desto mehr Kraft steckt in dieser Verhaltenheit und desto mehr können Gefühle aufbrechen –oder ausbrechen,auf einer somatischen, körperlichen Ebene nach außen, als Schmerz oder als Schlafstörung oder wie auch immer.
Und grundsätzlich wollen wir diese Ebene des Empfindens ja auch nicht missen.
Gefühle bringen uns das Erleben nahe, wenn ich emotional mitgehe, dann erlebe ich auch tiefer, gehe mehr in Resonanz mit dem, was mir begegnet. Fehlt diese Gefühlsresonanz, dann wird das Erlebte flach, blass oder stumm.
Was macht es dann so schwierig mit den Gefühlen umzugehen? Es ist wohl oft das Unberechenbare, wechselhafte, nicht Greifbare, das uns dann so „machtlos“ empfinden lässt, denn Gefühle gehen uns nahe und machen uns verletzbar.
Wenn wir denken, wir könnten Gefühle kontrollieren, dann kann es schnell passieren, dass die Gefühle uns kontrollieren.
Was ist denn dann die Lösung. Wenn Gefühle uns aufmerksam machen, eine Sprache sind, die es bedeutet kennenzulernen, wie kann ich diese Sprache gut verstehen lernen und wie kann ich lernen mit diesen Gefühlen gut umzugehen.
Wann darf ich mich in meine Gefühle fallen lassen, wann darf ich ihnen folgen und wann sind Gefühle „Gewitter“ in mir, die gefährlich sind, wenn ich ihnen zu viel Raum gebe.

Ich möchte nun zu einer ersten Einteilung kommen.
Die erste Gruppe möchte ich die wahrnehmenden Gefühle nennen (S.A. Längle)

Ihr Ursprung liegt im Alltag, aus den unterschiedlichen Situationen und sie begleiten uns durch den Tag. Sie sind wie ein Ton, der anklingt in uns, der angeschlagen wird durch einzelne Momente. Hier ein Beispiel dazu. Ich stehe morgens auf und merke, dass ich noch müde bin. Dann beim Frühstück genieße ich den Kaffee, schmecke das Essen, die Frische des Obstes, schaue den blauen Himmel und freue mich auf den Tag. Recht bald drauf bekomme ich den Anruf einer guten Freundin, ich höre ihren besorgten Ton und sie erzählt mir, welches Problem sie hat. Neben den empathischen Mitgefühlen gibt es auch Gedanken in mir, was dieses Gespräch von mir fordert. Soll ich diese Freundin besuchen, vielleicht sogar gleich, kann oder muss ich irgendwie anders reagieren, welche Empfindung ist in mir angeklungen und wie reagiere ich darauf, wie gehe ich damit um…..
Was in mir geht in Resonanz?
Der Alltag beinhaltet immer während ein situatives Erleben und Erfühlen. Unsere seelische Offenheit lässt Eindrücke in uns ankommen, berührt und bewegt uns innen, fordert auch oft ein Handeln von uns.
Dieses Handeln ist oft angebunden an mir wichtige innere Werte. Mit diesem Hinspüren durchschauen wir Situationen auf das, was jetzt zählt, was jetzt gut ist, was mir jetzt wichtig ist.
Dieses Gefühl ist oft feinsinniger als der Verstand, bindet unbewusste, nicht rationale Faktoren mit ein „Antoine de Saint Exupery“: Man sieht nur mit dem Herzen gut, Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Und dann gibt es noch ein 2. große Gruppe an Gefühlen, die ich (nach A. Längle“) die hinweisenden Gefühle nennen möchte. Diese Gefühle sind oft sehr alt, sind Ausdruck unserer Geschichte und Prägung. Diese Gefühle entstehen durch Identifikationen und Erziehung in der Kindheit. In unseren frühen Beziehungen werden wir gespiegelt und erfahren dadurch in tatsächlich erlebten Interaktionen oder auch durch unbewusste Dynamiken, wenn es gut läuft positive Bestätigung – Selbstwert, wenn es nicht gut läuft defizitäre Empfindungen – Unwert, oder auch tiefe Verletzungen und Kränkungen. Innere Sätze wie “ die Anderen sind immer besser als ich“, „wenn es mir schlecht gehet, dann bin ich allein“, „das kann ich sowieso nicht“, oder „meine Tränen darf ich nicht zeigen“, zeugen davon.
Durch Spiegelung werden Kinder in der Entfaltung ihres Gefühlserlebens bestätigt und erfahren Gefühle als richtig oder falsch. Kinder erfahren in dieser Zeit ihren eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen – oder auch nicht, somit sind hinweisende Gefühle ein Erleben, wie wir uns aufgrund unserer Biographie verstehen.
Diesen wiederkehrenden Gefühlen sollten wir nicht immer folgen, sie wurden uns verschlingen und die Situation verfestigen.
Diesen Gefühlen sollten wir nachgehen, woher sie kommen, welche Sätze und Haltungen dahinter stehen. Wenn wir den Ursprung dieser Gefühle erreichen und die Glaubenshaltungen dahinter verstehen (vielleicht auch in therapeutischer Begleitung) und an dieser Stelle Heilung erfolgt, dann beruhigt sich im Inneren etwasEin Beispiel: Der Satz „das schaffe ich nie“ wenn ich diesem Gefühl nachgehe, dann schade ich mir, obwohl das Innere diesen Satz glaubt. Vielleicht kämpfe ich auch dagegen, was sehr schmerzlich sein kann. Aber wenn ich den Satz nehme und mir seinen Ursprung anschaue – wie häufig habe ich diesen Satz vielleicht schon gehört, und vielleicht kann ich auch den Schmerz spüren, den dieser Satz hinterlassen kann.Wenn es mir dann noch gelingt Mitgefühl mit mir und zu diesem Schmerz zu bekommen, dann darf es ruhig werden.
Leider sind diese Aussagen und Sätze oft belastend und bedrohlich, so dass es für uns an dieser Stelle wichtig wird, achtsam zu werden. Gerade hier ist es wichtig, dass ich an diesen empfindsamen Momenten innehalte.
Spüren und wahrnehmen.
Unsere Erfahrungen des Lebens, Trennungen, Begrenzungen, unerwünschte Situationen werden als unangenehm oder schmerzhaft erlebt.
Im Buddhismus wird es als Leiden bezeichnet.
Diese schmerzhaften Empfindungen versuchen wir dann schnell zu verändern – es soll jetzt und sofort anders werden.
Es soll sich im Außen etwas verändern, damit ich mich innerlich nicht verändern muss.
Ich möchte hier unterscheiden zwischen wahrnehmen und erforschen der Gefühl und der Emotion. Emotion ist ein ausagieren der Gefühle – E-motion – es bewegt sich heraus, und nimmt dem Moment die Tiefe und das Verstehen.
Leichter gesagt als getan.
An dieser Stelle möchte ich nun über körperliche Zusammenhänge von Handlungsimpulsen sprechen.
Starke Emotionen lösen über das sympatische Nervensystem im Körper einen emotionalen Alarmzustand aus. Ausgerichtet auf eine Gefahr gibt es primäre Überlebensstrategien, die impulsiver und machtvoll sind und sich kognitiv nicht (mehr) kontrollieren lassen.
Für diese spontanen Impulse ist unser Körper ausgerüstet mit einem Zentrum im Gehirn, dem sogenannten Mandelkern.
Es ist evolutionsgeschichtlich eine „uralte“ Struktur, die unmittelbar mit Überleben gekoppelt ist und blitzschnelle Affekte auslöst. Gefahr – Flucht, Schmerz – Vermeidung. Dieser Mandelkern ist bis heute für das Erkennen von Gefühlen zuständig, in ihm liegt emotionale Erinnerung und damit die Tiefe von emotionalem Empfinden genauso, wie Beziehungsanbindung zu unserer Umwelt in ihm gespeichert ist.
Der Stolperstein an der ganzen Geschichte ist, dass der Mandelkern wie ein emotionaler Wächter eine ganz zentrale Stelle einnimmt, bei entsprechende Bedrohung aber bestimmte Impulse und Reaktionen in der Peripherie einleitet, bevor der Kortex, das rationale Gehirn die Situation überhaupt registiert hat.
Hier sind oft emotionale Eindrücke und Erinnerungen gespeichert, die wir bewusst nie wahrgenommen haben.
Und so haben wir zwei Gedächtnis Systeme, eines für „normale“ kognitive Verarbeitung und eines für emotionsgeladene Informationen.
So kann es ohne weiteres sein, dass durch die Ausschüttung von Stress-Hormonen der Körper über der sympathische Nervensystem aus einer „Erinnerung“ heraus reagiert, indem der Herzschlag höher wird, Schwitzen beginnt, Angst spürbar wird …., ohne dass ich das unter Kontrolle habe.
Oft reichen schon Fragmente einer Erinnerung und unsere Reaktion springt an. Erschwerend kommt noch dazu, dass Kleinkinder sowieso als „Emotionalkörper“ empfinden und wenig kognitives Verstehen wirkt. So können alte Erinnerungen sich in unserem Gefühlsgedächtnis noch mehr einbrennen.Wie sieht denn unter dieses Umständen emotionales Umlernen statt?Eine Situation, das Ereignis schildern, spüren, verbundene Reaktionen dazu, auch Details wie Hören oder Riechen
– in Achtsamkeit und Langsamkeit.
Die Erinnerung in Wort fassen, mit allem, was zu dieser Erinnerung auftaucht – und HALTEN, nachempfinden, damit kommt die Erinnerung stärker im Kortex an, wird verständlich und handhabbar.
Dieses Umlernen im Erleben, Durchleben mit den entsprechenden Reaktionen und Emotionen erfordert einen sicheren, vertrauten, geschützten Rahmen und gute Begleitung
Aus diesem HALTEN und ERLEBEN
entwickeln sich dann Gefühle
– Trauer um einen Verlust
– Schmerz durch den Tod eines geliebten Menschen
– Bedauern, etwas nicht getan zu haben.
mit entsprechenden Folgegefühlen.
Die ursprünglich traumatischen Gefühle dürfen sich verändern und neu überblendet werden. An diesem Punkt kommen wir in ein neues lebendiges Leben.
Auch körperliche Strukturen halten und binden Emotionen ab.
Zellen und Leben findet in Grundrhythmen statt, einatmen – ausatmen, anspannen – entspannen….
Der Tonus, der Grad der Spannung ist ganz wichtig für körperliches Gewebe.
Nicht zu viel und nicht zu wenig Spannung.

Emotionen, die gehalten werden, bedürfen einer andauernden Anspannung, um nicht losgelassen zu werden (Kontrolle, Ball im Wasser).

Bestimmte, auch für uns unangenehme Emotionen werden in entsprechenden Körperbereichen gehalten. Gefühle haben einen Platz in unserem Körper. Dies kennen wir von angenehmen Gefühlen. Es gibt einen Platz für diese Empfindungen und von dort darf sich das Gefühl entfalten. Aber auch „negative“ Gefühle haben ihren Platz. Die Körpertypen z. B. der Bioenergetik zeigen an, wo – und damit oft auch welche Emotion (fest-) gehalten wird, somit lesen wir über die Körpersprache, bewusst oder unbewusst, den emotionalen Ausdruck unseres Gegenübers.
So ist es auch zu erklären, wie durch bestimmte Körperübungen, Atemtechniken, auch Berührung oder Behandlung bestimmter Körperregionen Gefühle gelöst werden können.
Wie oft erleben wir es auch in unserer Praxis, dass durch Berührung oder auch durch Akupunktur Gefühle gelöst werden.
Was kann ich nun heute, im Hier und Jetzt tun, um mir sicherer zu werden im Umgang mit meinen Gefühlen.
Wenn starke Gefühle da sind…….
– Wahrnehmen im Außen,
die Situation nochmal durchgehen, stimmt das auch, was ich da gerade gehört, evtl. auch interpretiert habe (Realitätsbezug)
– Wahrnehmen nach Innen, zu meinen eigenen Gefühlen, evtl. auch Worte finden für das Empfinden
– Handlungsebene:
– Worum geht es mir jetzt im Moment und welche Konsequenz hat es, wenn ich dies ernst nehme. Diese Handlungsebene kann sich sowohl auf die wahrnehmenden Gefühle, als auch auf die hinweisenden Gefühle beziehen.
Die Umsetzung dann verlangt oft viel Mut, schaffen wir es in Übereinstimmung mit unseren Gefühlen zu leben und dem zu folgen, was wir als richtig und wichtig empfinden, dann leben wir (soweit es geht) unser Leben. Wir sind uns selbst treu, wenn wir nicht gegen unsere eigene Wahrnehmung leben. Es entsteht ein tiefes Erleben durch dieses fühlende Schauen.
Und natürlich gibt es eine Anbindung an die Umwelt, ein Einfügen an Bedingungen von auße.
Es ist ja auch bereichernd in Gemeinschaft zu leben und sich darin einzubringen. Mir sollte aber immer bewusst sein, dass ich die Wahlmöglichkeit habe, welche Schritte ich tue.
Und so möchte ich zum Schluss kommen.
Gefühle sind für uns, so wie ich es sehe, wie eine Brücke.
…eine Brücke, die Nähe schafft
– nach Außen zum Du und zur Situation
– nach Innen zu mir und meinem Empfinden und damit meiner eigensten Wahrheit.
Quellen:
A. Längle – Kann ich meinen Gefühlen vertrauen
David Goleman – Emotionale Intelligenz
Wetzel/Reddemann – Achtsamkeit und Mitgefühl

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