Ja, aber … von der Achtsamkeit zur Entschiedenheit.

Ja, aber … von der Achtsamkeit zur Entschiedenheit. Vortrag von Anton Nindl, Psychotherapeut aus Salzburg zum GLE – Herbstsymposium der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse

Meine persönlichen Eindrücke habe ich hier zusammengefaßt.
In unserer heutigen Gesellschaft und ihren unzähligen Möglichkeiten stehen wir permanent vor Entscheidungen, was ist passend? Die immer schnellere Lebenswelt verführt zur Getriebenheit, zum Funktionieren bis zum Umfallen. In diesen maßlosen Sich-Verlieren nach außen stellt sich die Frage: Wann ist es genug? Die Antwort ist häufig geprägt von der Sehnsucht das viele zu lassen, nach achtsamer Einkehr bei sich selbst. A. Nindl nahm in seinem Vortrag Bezug auf eine Aussage von Hartmut Rosa (2005), der 3 Dimensionen sozialer Beschleunigung herausgearbeitet hatte:

  1. Technische Beschleunigung
    Es wird immer schneller, immer mehr. Die Technik, die oft mit ihrer Funktion begrenzt
  2. Beschleunigung des sozialen Wandels, was sich auf Familie, Lebensstil, Arbeit, politische und religiöse Bindungen auswirkt
  3. Generelle Beschleunigung des Lebenstempos, daß wir meinen, mehr tun und erleben zu müssen in weniger Zeit. Pausen und Freizeit werden verzweckt.

Was macht es mit uns Menschen?
Wir haben den Wunsch zu verlangsamen, innezuhalten und nach dem Wesentlichen zu suchen.

Diese Beschleunigungsphänomene belasten uns in vielerlei Hinsicht. Es entsteht Beziehungslosigkeit, ein Schaffen ohne Erleben, wir entfremden uns von uns selbst und funktionieren, wir erledigen, bis wir erledigt sind. Das erschöpfte Selbst wird depressiv.

Alain Ehrenberg, französischer Soziologe, nimmt an, Depression ist eine Pathologie der Beschleunigung, weil der erschöpfte Mensch mit dem hohen Tempo nicht mitkommt.

Wir haben den Anspruch leistungsmäßig etwas Besonderes sein zu wollen. Umso mehr entsteht auch die Sehnsucht in uns nach Verlangsamung, Begrenzung und Gelassenheit.
Was machen wir damit? Eine gute Selbstführung braucht das Ernstnehmen des eigenen Gespürs. Wir sind angehalten dem ICH einen Raum zu öffnen, sich anzufüllen, fühlen und mit innerer Zustimmung entscheiden.
Wir brauchen auch Diskontinuität, ein Inne-halten, schöpferische Pausen und die Einkehr bei uns selbst. Es darf sich was ereignen, auch ohne Anstrengung.
Sein-lassen, ich lasse mich sein und mein Gegenüber in seinem Sein. Abgeschlossen hat
A. Nindl mit einem Zitat von Heidegger „Die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen“

Weiterführende Literatur:
Hartmut Rosa „Hier kann ich ganz sein, wie ich bin“ Interview Ulrich Schnebel
Byung-Chul Han „Die Müdigkeitsgesellschaft“
Alain Ehrenberg, franz. Soziologe, „Das erschöpfte Selbst“

Renate Rauch

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